Gewaltschutz neu gedacht: Steiermark startet anonyme Hotel-Auszeiten vor der Eskalation
Pilotprojekt „CHECK-IN“ schließt mit digitaler Erstberatung, anonymer Wohn-Infrastruktur und opferschutzorientierter Täterarbeit eine kritische Lücke im steirischen Hilfssystem.

Graz (10. September 2026).- Viele Betroffene von schweren Gewalttaten und Femiziden waren den Behörden oder dem offiziellen Hilfssystem zuvor völlig unbekannt. Die Hemmschwelle, direkt ein Frauenhaus zu kontaktieren, ist im Dunkelfeld oft massiv, vor allem aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und des Rechtfertigungsdrucks im familiären Umfeld. Hier setzt das neue steirische Pilotprojekt „CHECK-IN“ an. Es bietet eine stigmatafreie, niederschwellige Brücke für Menschen in belasteten Paardynamiken, bevor die Situation eskaliert.
Soziallandesrat Hannes Amesbauer betont als zuständiger Ressortverantwortlicher die Bedeutung der Initiative: „Gewalt im familiären und persönlichen Umfeld ist ein Problem, bei dem wir als Gesellschaft niemals wegsehen dürfen. Neben einem starken Netz an Schutz- und Hilfseinrichtungen müssen wir vor allem auch jene Menschen erreichen, die bisher noch keinen Weg in dieses Hilfssystem gefunden haben. Genau hier setzt CHECK-IN an und schafft eine zusätzliche Brücke, um betroffene Frauen möglichst früh zu erreichen, bevor eine Situation weiter eskaliert. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir mit dieser innovativen Idee in der Steiermark einmalmehr eine Vorreiterrolle einnehmen können. Gerade in Zeiten notwendiger Budgetkonsolidierung ist es ein starkes und bewusstes Signal, dass wir die Mittel für Gewaltschutzprojekte erhöht haben. Denn beim Schutz vor Gewalt und bei wirkungsvoller Prävention werden wir unserer Verantwortung gerecht.“
Das „Offene Auszeit“-Modell: Schutz im neutralen Setting
Das Herzstück des Projekts nutzt eine sozial voll akzeptierte Struktur: die Reise in ein Hotel. In Kooperation mit den JUFA Hotels wird Betroffenen eine zwei- bis viertägige Deeskalationsphase als reguläre Gastbuchung ermöglicht. Diese Auszeit erfordert keine heimliche Flucht, minimiert den Erklärungsdruck gegenüber dem Partner und reduziert das akute Eskalationsrisiko. Das Angebot richtet sich gezielt an Menschen, die bestehende Opferschutzsysteme bisher gemieden haben.
Als Projektträger zeichnen die Steirischen Frauenhäuser verantwortlich. Geschäftsführerin Michaela Gosch unterstreicht die fachliche Notwendigkeit: „Die Hemmschwelle, ein Frauenhaus zu kontaktieren, ist sehr groß. Unser Ziel mit ‚CHECK-IN‘ ist es, diese Barriere abzubauen. Das Hotel-Szenario bietet eine sozial akzeptierte, vollkommen unverdächtige Auszeit, die den Rechtfertigungsdruck gegenüber dem Partner nimmt. So gewinnen wir wertvolle Zeit für ein professionelles Risiko-Clearing im geschützten Raum und können im Bedarfsfall sofort den Übergang in unsere weiterführenden Schutzeinrichtungen einleiten.“
Als wichtiger Infrastrukturpartner ermöglichen die JUFA Hotels die sichere und unauffällige Unterbringung. Martin Seger-Omann, Pressesprecher der JUFA Hotels, erklärt dazu: „Soziale Verantwortung ist tief in unserer Unternehmens-DNA verwurzelt und unsere Hotelidee steht schon immer für unkomplizierte und gute Lösungen. Als steirisches Unternehmen ist es uns daher ein großes Anliegen, unseren Teil beizutragen und als Infrastrukturpartner Menschen in akuten Krisensituationen schnell, diskret und unbürokratisch zu helfen.“
Digitaler Einstieg und vernetztes Hilfesystem
Der Zugang zum Projekt erfolgt über zwei diskrete Wege: Der Chatbot „Bea“ ermöglicht als anonymer digitaler Erstkontakt auf der Projekthomepage mittels eines empathischen Ampel-Tests eine risikobasierte Selbsteinschätzung und Weiterleitung. Die CHECK-IN Card wiederum ist als unverfänglicher „Beziehungscheck“ mit QR-Code gestaltet und wird über Erstkontakte wie einschlägige Beratungsstellen, Apotheken, Arztpraxen oder Hebammen verteilt. Völlig ohne stigmatisierende Begriffe wie „Gewalt“ oder „Opfer“.
Nach der Triage durch Fachkräfte erfolgt das vertiefende Risiko-Clearing direkt im geschützten Hotelraum. Für die nachhaltige Stabilisierung greift das Projekt auf ein steiermarkweites Netzwerk von 20 Übergangswohnungen und eine mobile Nachbetreuung durch das Projekt G.i.F. zurück.
Ganzheitlicher Ansatz durch opferschutzorientierte Täterarbeit
CHECK-IN basiert auf den Richtlinien des Dachverbandes Vernetzter Opferschutz (DVOTA). Das Sicherheitskonzept sieht vor, dass jede Intervention beim Opfer konsequent mit einer kritischen Reflexion und Verantwortungsübernahme der gefährdenden Person gekoppelt wird. Dies geschieht durch die direkte Einbindung von Täterarbeitseinrichtungen wie der Männerberatung Steiermark und NEUSTART. Bei einer plötzlichen Erhöhung des Risikos garantiert eine dynamische Triage die Möglichkeit eines sofortigen Transfers in ein geschütztes Frauenhaus.
Christian Scambor von der Männerberatung Steiermark hebt diesen vernetzten Ansatz hervor: „Dort, wo Gewalt bereits ausgeübt wurde, müssen wir im gesamten System ansetzen: Opfer müssen unterstützt werden und Kinder brauchen ein gewaltfreies Umfeld, um gut aufwachsen zu können. Deshalb muss mit den Tätern gearbeitet werden: Diese müssen ihr gewalttätiges Verhalten beenden und gewaltfreie Verhaltensalternativen aufbauen. Täterarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zum Opferschutz, wobei alle Player dabei koordiniert und aufeinander abgestimmt vorgehen müssen, damit wir Gewaltspiralen nachhaltig unterbrechen können. Und damit Beziehungskrisen und Trennungskonflikte erst gar nicht in Gewalthandlungen münden, bieten wir steiermarkweit Männerberatung an - ganz im Sinn des Projekts CHECK-IN und der primären Gewaltprävention.“
In der sechsmonatigen Pilotphase werden neben der digitalen Infrastruktur und dem Schnittstellen-Marketing die anonymen Akut-Übernachtungen sowie das mobile Fachpersonal finanziert. CHECK-IN knüpft direkt an die Expertise der Steirischen Frauenhäuser an.
Rückfragehinweis:
Verein Frauenhäuser Steiermark
Michaela Gosch
+43 664 8289986
gosch@frauenhaeuser.at
www.beziehungs-check.at
Graz, am 10. September 2026
Kommunikation Land Steiermark-Aussendungen unter E-Mail: kommunikation@stmk.gv.at
zur Verfügung.
